Das Schweizer Vorsorgesystem
Die Schweizer Altersvorsorge ruht auf drei Säulen. Diese Aufteilung ist kein Zufall, sondern bewusst so konstruiert: Jede Säule hat eine eigene Aufgabe, und zusammen sollen sie ein finanziell sicheres Alter ermöglichen.
Die erste Säule ist staatlich und sichert das Existenzminimum. Die zweite Säule ist beruflich und soll den gewohnten Lebensstandard fortführen. Die dritte Säule ist privat und freiwillig – sie füllt die Lücken und ermöglicht zusätzliche Wünsche. Das Bild der drei Säulen, die gemeinsam ein Dach tragen, beschreibt das System treffend: Fällt eine weg oder ist zu schwach, gerät das ganze Dach in Schieflage. Genau deshalb lohnt es sich, alle drei zu verstehen – und besonders die dritte, die du selbst in der Hand hast.
1. Säule: die AHV
Die erste Säule ist die AHV (Alters- und Hinterlassenenversicherung). Sie ist für alle obligatorisch und wird im Umlageverfahren finanziert: Die heute Erwerbstätigen zahlen mit ihren Beiträgen die laufenden Renten der heutigen Rentner. Ihre Aufgabe ist die Existenzsicherung – sie soll den Grundbedarf im Alter decken, nicht den gewohnten Lebensstandard.
Entsprechend bescheiden sind die Beträge: Die maximale AHV-Einzelrente liegt 2026 bei CHF 30’240 pro Jahr, also rund CHF 2’520 im Monat. Das ist eine Grundsicherung, mehr nicht. Wer im Alter nur von der AHV lebt, muss sich stark einschränken. Genau deshalb wurden die zweite und dritte Säule geschaffen – die AHV allein reicht für den gewohnten Lebensstil nirgends aus.
2. Säule: die Pensionskasse
Die zweite Säule ist die berufliche Vorsorge, die Pensionskasse (BVG). Sie ist für Angestellte ab einem bestimmten Jahreslohn obligatorisch und funktioniert anders als die AHV: im Kapitaldeckungsverfahren. Das heisst, jeder spart über sein Erwerbsleben sein eigenes Alterskapital an, gemeinsam mit dem Arbeitgeber, der mindestens die Hälfte der Beiträge übernimmt.
Zusammen mit der AHV soll die Pensionskasse den gewohnten Lebensstandard im Alter sichern. Das versicherte Maximum ist allerdings begrenzt: Das BVG-Maximum liegt 2026 beim Dreifachen der maximalen AHV-Rente, also bei CHF 90’720. Lohnbestandteile darüber hinaus sind im Obligatorium nicht versichert – ein wichtiger Punkt für Gutverdiener, auf den wir bei der Vorsorgelücke zurückkommen.
3. Säule: die private Vorsorge
Die dritte Säule ist die freiwillige private Vorsorge – dein persönlicher Beitrag zur eigenen Zukunft. Sie teilt sich in zwei Formen: die Säule 3a (gebunden, steuerbegünstigt) und die Säule 3b (frei verfügbar). Mit ihr schliesst du die Lücke, die AHV und Pensionskasse offenlassen.
Während die ersten beiden Säulen weitgehend vorgegeben sind, ist die dritte der Bereich, den du aktiv gestalten kannst. Sie ist deshalb der wichtigste Hebel für deine private Vorsorge. Wie 3a und 3b sich genau unterscheiden und welche zuerst kommt, schauen wir uns in der nächsten Lektion im Detail an.
So verteilt sich das Renteneinkommen
Das Zusammenspiel der Säulen lässt sich grob darstellen. Aus AHV und Pensionskasse ergibt sich erfahrungsgemäss ein Renteneinkommen von rund 60 Prozent des letzten Lohns – die dritte Säule kommt obendrauf:
Die genauen Anteile hängen von Lohn, Pensionskasse und Erwerbsverlauf ab – das ist eine Faustregel.
Die 60-Prozent-Faustregel
Die wichtigste Zahl, die du dir merken solltest: AHV und Pensionskasse zusammen ersetzen erfahrungsgemäss nur etwa 60 Prozent deines letzten Lohns. Wer also CHF 7’000 verdient hat, erhält im Alter grob CHF 4’200 aus den ersten beiden Säulen.
Das klingt nach viel, ist es aber oft nicht – denn die Lebenskosten sinken im Alter selten um 40 Prozent. Miete, Krankenkasse und Alltag laufen weiter, manche Kosten wie Gesundheit steigen sogar. Die Differenz zwischen den 60 Prozent und dem, was du tatsächlich zum Leben brauchst, ist die Vorsorgelücke. Sie zu kennen und zu schliessen ist die zentrale Aufgabe der privaten Vorsorge – dazu später mehr.
Warum die dritte Säule wichtiger wird
Die 60-Prozent-Faustregel ist zudem eine optimistische Momentaufnahme – die Tendenz zeigt nach unten. Die Bevölkerung wird älter, die Menschen beziehen länger Rente, und auf jeden Rentner kommen immer weniger Erwerbstätige. Das setzt vor allem die AHV unter Druck.
Gleichzeitig sinken in der zweiten Säule die Umwandlungssätze, mit denen das angesparte Kapital in eine Rente umgerechnet wird. Konkret heisst das: Aus demselben Alterskapital wird tendenziell eine tiefere Rente. Beide Entwicklungen führen zum selben Schluss – die staatliche und berufliche Vorsorge wird künftig eher weniger als mehr decken. Die private dritte Säule gewinnt damit von Jahr zu Jahr an Bedeutung. Wer früh selbst vorsorgt, ist klar im Vorteil.
Was du selbst beeinflussen kannst
Die gute Nachricht: Auch wenn das System komplex wirkt, ist dein Hebel klar. Die erste Säule ist gesetzlich fix, die zweite weitgehend durch deinen Arbeitgeber und Lohn bestimmt. Aktiv gestalten kannst du vor allem die dritte Säule – und punktuell die zweite über freiwillige Einkäufe.
Konkret heisst das: Schöpfe die Säule 3a so weit wie möglich aus, prüfe bei Lücken freiwillige Pensionskassen-Einkäufe und beginne früh. Jeder dieser Schritte verbessert deine spätere Rente direkt. Du bist der Vorsorge also nicht ausgeliefert – im Gegenteil, mit wenigen bewussten Entscheidungen nimmst du erheblichen Einfluss auf deinen Lebensstandard im Alter.
Setze dieses Wissen direkt mit deinen echten Zahlen um.
Allgemeine Finanzbildung · keine individuelle Beratung · Stand: 2026-06-02
